Alarmzustand im Körper: Verändert Stress die Gene?

Alarmzustand im Körper: Verändert Stress die Gene?

KopfschmerzenWer selbst schon einmal unter akutem Stress gestanden hat oder dauerhaft an Stress leidet, der weiß, dass dies nicht nur die Psyche belastet. Es stellen sich diverse körperliche Beschwerden ein und damit wird ein Teufelskreis in Gang gesetzt. Aber gibt es wirklich einen direkten Zusammenhang zwischen der seelischen Belastung und dem physischen Zustand? Ja, denn Wissenschaftler haben herausgefunden, dass Stress die Gene verändert.

Chronischer Stress verändert die Gene und beeinflusst das Immunsystem

Es liegt eigentlich nahe – und wurde auch schon vorher bewiesen – dass Stress negative Auswirkungen auf die körperliche Gesundheit hat. So ist es häufig zu beobachten, dass gestresste Menschen zu Essstörungen und Schlafstörungen neigen, an Diabetes erkranken oder einen Herzinfarkt erleiden. Andere haben mit Kopfschmerzen oder Atemnot zu kämpfen. Wissenschaftler der Ohio State University in den USA haben vor kurzem herausgefunden, dass es noch weitere Verknüpfungen gibt: So stellten sie bei chronischem Stress Veränderungen im Erbgut fest und konnten einen Einfluss auf das Immunsystem beobachten. Als Grundlage für die umfangreiche Studie untersuchte das Team rund um John Sheridan Amerikaner mit einem niedrigen sozioökonomischen Status – die als stressbelastet gelten – und solche mit einem hohen Status. Die Wissenschaftler stießen dabei auf über 380 Gene, die Unterschiede zueinander aufwiesen. Die gestresste Gruppe wies u. a. einen hochregulierten Anteil an entzündungsfördernden Genen auf, während entzündungsdämpfende Gene kaum zum Einsatz kamen. Interessanterweise wurden die Probanden – im Gegensatz zu herkömmlichen Studien – nicht künstlich unter Stress gesetzt, sondern man untersuchte den Alltagsstress und seine Auswirkungen.

Die Ergebnisse wurden durch die Erkenntnisse aus einer vorangegangenen Studie unterstützt: Hier hatte man Mäuse einer Stressbelastung ausgesetzt und festgestellt, dass in der Milz und im Blut der gestressten Tiere viermal so viele Immunzellen zirkulierten wie bei den normalen Proben. Eben jenes überempfindliche Immunsystem macht auf Dauer gemeinsam mit den veränderten Genen krank.

Verändertes Erbgut aufgrund von frühkindlichen Traumata

Nicht nur dauerhafter Stress im Alltag beeinträchtigt die Gene, sondern auch Stress, der in der frühen Kindheit erlebt wurde, hinterlässt Spuren. So haben Forscher am Max-Planck-Institut für Psychiatrie herausgefunden, dass das Erbgut durch ein Trauma im Kindesalter verändert wird, was später im Leben zu Angsterkrankungen und Depressionen führen mag. Mehr als 2.000 US-Amerikaner, die (in der Vergangenheit) schwer traumatisiert worden waren, wurden für die Stressstudie untersucht. Etwa 33 % von ihnen litten im Erwachsenenalter an posttraumatischen Belastungsstörungen. Die Forscher ermittelten anhand von Nervenzellen-Experimenten, dass eine besondere Variante des Stress-Gens FKBP5 die Ursache für die Erkrankungen war, da sie das gesamte Stresshormonsystem beeinflusste. Das inaktive Gen machte die Steuerung des Cortisol-Spiegels unmöglich und verhinderte so eine angemessene Reaktion auf Stress. Insgesamt wurden die Gene und damit die Erbsubstanz durch die Anlagerung von Methylgruppen unwiderruflich verändert. Jedoch kam das Forscherteam auch zu dem Schluss, dass die genetische Veranlagung ebenfalls eine Rolle dabei spielt, ob ein traumatisierter und gestresster Mensch erkrankt.

Das Fazit: Frühes Trauma führt zu einer lebenslangen Fehlregulation des Stresssystems, aber nicht jeder leidet deshalb unter bestimmten Erkrankungen. Zudem ist mit dem Studienergebnis ein Umdenken verbunden, denn es sieht so aus, als werde nicht nur der Mensch durch seine Gene geprägt, sondern präge umgekehrt auch die Wirkung seiner Gene.

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